Goldscheuer, Marlen, Kittersburg:
Drei Ortschaften, eine Gemeinde
Die drei territorial voneinander getrennten Dörfer bilden schon seit Jahrhunderten eine politische Gemeinde. Seit jeher dominierten die Weidewirtschaft, die Fischerei (bis zu ihrem Niedergang) und die Landwirtschaft, insbesondere der Hanf und Krautanbau. Das Heimatmuseum in der alten Schule Goldscheuer gibt einen interessanten Einblick in die frühere Lebens- und Arbeitswelt der Dörfer.
Die ehemals selbständige Dreiergemeinde ist seit 1971 ein Stadtteil von Kehl. Goldscheuer und Marlen liegen auf der so genannten „Niederterasse“, Kittersburg auf dem „Hochgestade“ des Urrheines.
Weitere Infos zur Dorfgeschichte findet man auf der Internetseite www.bliwisel.de.
Goldscheuer
Goldscheuer ist im Jahr 1424 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt. Der Ortsname leitet sich von einer gemeinsamen „Gültschüre“, einer Scheune, in der der „Zehnte“ für die Herrschaft zwischengelagert wurde, ab.
Die Figuren des Goldwäscherbrunnens neben dem Goldscheuerer Rathaus erinnern daran, dass hier früher Gold und Löschsand aus dem Rheinsand „gewaschen" wurden.
Zahlreiche Fachwerkhäuser prägen noch das Ortsbild. Ein Natur-Badestelle bietet Erfrischung im Sommer. Die katholische Kirche „Maria Hilfe der Christen“ bietet einen besonderen Anziehungspunkt, da sie von dem bekannten Künstler Stefan Strumbel gestaltet wurde. Goldscheuer erlange Bekanntheit in der internationalen Literatur durch den Schriftsteller Johann, Jakob Christoph von Grimmelshausen, der in seinem Simplizissimus 1669 Goldscheuer als den Ort erwähnte in dem der beste Hanfsamen (Schleißhanf) der Welt wachse (Zitat: Sechstes Buch, Kap. 10, S. 67).

Rathaus und Schule um 1940
Marlen
Der Name Marlen, in alter Zeit auch Marlenheim genannt, entstand vermutlich aus einer merowingischen Siedlung, „Heim des Maro“ genannt. Daraus formte sich Marlenheim und später Marlen. Die erste urkundliche Erwähnung war im Jahre 1283, als der Ritter Walther von Klingen Marlen und Kittersburg verkaufte und ein Dokument darüber abgefasst wurde. Die katholische Kirche St. Arbogast aus dem Jahre 1767 dominiert den alten Ortskern. Der Narrenbrunnen aus dem Jahre 1988 in der Ortsmitte weist Marlen als fastnächtliche Hochburg aus. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, zeigt sich die 2024 neu gestaltete Mitte Marlens, der Georg-Krämer-Platz. Krämer war ein verdienter Bürger der damaligen Dreiergemeinde, der als Adlerwirt, Vogt, Landtagsabgeordneter und Aktiver der Badischen Revolution wirkte und hier Geschichte schrieb. Zu seinen Freunden zählte er Revolutionär Friedrich Hecker und den Dichter des Deutschlandliedes, Hoffmann von Fallersleben.

Schule, Kirche und Pfarrhaus um 1930
Kittersburg
Der Name Kittersburg könnte einst aus dem Begriff „Kutersburg“, „die Burg an der Schutter“ (aus dem lateinischen „scutera““, entstanden sein. Es handelte sich aber wohl nicht um eine herrschaftliche Burg, sondern um eine Zollstation, die die Durchfahrtstraße kontrollierte. Kittersburg wurde zusammen mit Marlen erstmals 1283 erwähnt. Einst verlief die heutige Verbindungsstraße L98 von Offenburg nach Kehl, nahe des Ortes, vor der ersten Häuserreihe. An vergangene Zeiten mit dem ertragreichen Hanfanbau erinnern Gewannnamen wie „Hanfplatz“ sowie die ehemalige „Hanfrötze“ die bei der unweit von Kittersburg dahinfließenden Schutter liegt. Den Ortskern ziert ein Ensemble aus der 1928 neu erbauten Kapelle „St. Maria Magdalena“, dem Gemeindezentrum, dem Backhaus sowie dem Dorfbrunnen um den Dorfplatz.

Kapelle und Schule um 1930
Der gemeinsame Werdegang
Seit Goldscheuer 1424 in der Geschichte erstmals auftauchte gingen die drei Dörfer den weiteren Weg gemeinsam.
Im Jahre 1551 wurden wir ein Bestandteil der österreichischen Vorlande.
1618 bis 1648 tobte auch bei uns der 30-jährige Krieg, der die Dörfer nahezu auslöschte.
In besonderer Erinnerung blieb die Schlacht bei Altenheim, zwischen den kaiserlichen und Franzosen, die 1675 auch auf dem Goldscheuer Gewann „Waseneck“ ausgetragen wurde.
Im Jahre 1701 gab Österreich einen Teil der Ortenau, darunter uns, für seine Verdienste, dem Markgrafen von Baden als Lehen. Im Jahre 1771 fiel das Lehen, nach dem Ableben des letzten Markgrafen, an das Haus Österreich zurück.
1770 erlebten die Bewohner ein besonderes Ereignis: Marie Antoinette, die Tochter von Maria Theresia, Kaiserin von Österreich, fuhr anlässlich ihres Brautzuges nach Frankreich durch Goldscheuer. Dort sollte sie den französischen Thronfolger heiraten.
1803 kamen wir durch den von Napoleon verursachten Reichsdeputationshauptschluss an Herkules III. von Modena/Italien. Dieser starb jedoch im gleichen Jahr, so fielen wir zurück an Österreich. 1805 wurden wir dann endgültig ein Bestandteil des neu geschaffenen Badischen Staates, dem Großherzogtum Baden. 1871 wurde das Großherzogtum ein teilautonomer Bestandteil innerhalb des deutschen Kaiserreiches.
Im Jahre 1936 wurden wir dem Kreis Kehl zugeordnet, zuvor gehörten wir zum Kreis Offenburg. 1952 kam dann die Vereinigung der beiden Länder Baden und Württemberg zu Baden-Württemberg. Am 1. Dezember 1971 wurden wir im Zuge einer Gemeindereform als Ortsteil und Ortschaft nach Kehl eingemeindet. Wir wurden Kehler. Der Kreis Kehl wurde aufgelöst und wurde dem Ortenaukreis einverleibt.
2008 feierten wir die 725-jährige Wiederkehr der ersten Erwähnung von Kittersburg und Marlen mit drei mehrtägigen Festen in allen drei Dörfern.


